Wer wird Südafrika
verändern?
Franz J.T. Lee
„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“
Karl Marx
EINE
„ALEXANDER DEFENCE COMMITTEE“ PUBLIKATION
FRANKFURT
AM MAIN, JUNI 1968
Arbeitermassen Südafrikas, Vereinigt Euch!
Ansprache an die Kongreß‑Allianz,
die in einer Sackgasse steckt
Der Leidensweg der Afrikaner von
Verwoerd zu Vorster
Rede von Franz J. T. Lee vor dem
Sonderausschuß der UNO über Apartheid
Dr. Alexander und die Justiz in
Südafrika
Arbeitermassen Südafrikas, Vereinigt Euch!
„...was ist unsere Pflicht? Befreiung um jeden Preis.”
Ché Guevara
Karl Marx hat 1846 in seiner Schrift: „Das
Elend der Philosophie” geschrieben: „Vor allem die wirtschaftlichen Beziehungen
haben die Masse der Menschen zu Arbeitern gemacht. Die kapitalistische Macht
hat dieser Masse eine gemeinsame Lage, gemeinsame Interessen geschaffen. So ist
diese Masse im Verhältnis zum Kapital schon eine Klasse, doch ist sie noch
keine Klasse an sich. Im Kampf... vereinigt, konstituiert sich diese
Menschenmasse als Klasse für sich. Die von ihr vertretenen Interessen werden zu
Klasseninteressen. Dennoch ist der Kampf einer Klasse gegen die andere ein
politischer Kampf.”
Die militärische Unterwerfung des
afrikanischen Volkes in Südafrika war gegen Ende des XIX Jahrhunderts
abgeschlossen. Der Imperialismus der Briten und der Feudalismus der Buren hat
über die afrikanische Stammesordnung triumphiert. Das afrikanische Volk wurde
zur Masse des unterdrückten, verarmten, zum Schweigen gebrachten
Stadtproletariats, zu nomadischen Landarbeitern und Bauern ohne Land
herabgesetzt. Obwohl Südafrika formell eine „Union“ war, hat es die Struktur
einer britischen Kolonie bewahrt. Die kolonialen Wirtschaftsbedingungen haben
das ganze afrikanische Volk - Neger und Andersfarbige, Malaien oder Inder - zu
Werktätigen gemacht. Es hat sich ein besonderes kapitalistisches System
entwickelt, das die Struktur und selbst die Grundlage der traditionellen
Stammesgesellschaft vernichtet hat.
Afrikas Kampf für die Befreiung von den
europäischen Eroberern ist in eine neue Phase getreten, in die Phase des
Kampfes um die politische Freiheit. Im Laufe der ersten drei Jahrzehnte
bildeten sich Hunderte von religiösen und politischen, gewerkschaftlichen und
bürgerlichen, marxistischen und leninistischen, trotzkistischen und stalinistischen
Organisationen. Die afrikanischen Menschen haben allmählich begriffen, dass sie
als Rassengruppen und als Arbeiter, d.h. als farbige nationale Mehrheit und als
besondere Klasse in der Gesellschaft, unterdrückt und ausgebeutet wurden.
Einige Führer haben dem „Rassenkampf“ den Vorzug gegeben, einige waren jedoch
bestrebt, eine theoretische und praktische Synthese des einen mit dem anderen
zu finden. Andere wieder sahen im „Klassenkampf“ den wahren Kampf, und
betrachteten den Rassenkonflikt nur als ideologischen Überbau, den die
Machthaber absichtlich entfacht haben, um die wahren Fragen zu verdecken. Diese
Situation hat viel Verwirrung, viele Rivalitäten, Spaltungen, Uneinigkeiten und
Tragödien verursacht.
Die alten Massenorganisationen sind von der
Bühne verschwunden, die kämpferische Jugend hat sich gegen die alten
bürokratischen, autoritären und chauvinistischen Führer aufgelehnt. Gegen 1935,
zur Zeit der famosen „Herzogischen Gesetze” haben die Arbeitermassen jedoch
begonnen, sich immer mehr von unten her zu vereinigen. Die allgemeine Beraubung
der Rechte durch Gesetze, die Erfahrung, der Terror und die seitens aller
Regierungen des „Herrenvolkes“ ausgeübte Gewalt, haben die Masse des
unterdrückten Volkes gezwungen, sich zur gemeinsamen Verteidigung
zusammenzuschließen. Das mußte auch in der Organisationsform zum Ausdruck
gelangen. So wurde 1935 die „Allafrikanische Konvention” gebildet. Auf die
Tagesordnung dieser Zeit mußten ein richtiges Programm und Grundsätze, wirksame
politische Waffen und eine konkrete Politik gesetzt werden. In der politischen
Wirklichkeit traten das Programm von zehn Punkten, der politische Boykott und
die „Politik der Nichtzusammenarbeit“ mit allen Agenten des „Herrenvolkes“ und
des Imperialismus in Erscheinung. Das war ein großer Schritt vorwärts im
südafrikanischen Kampf für die Freiheit. Das afrikanische Volk wurde „eine
Klasse für sich“.
Die Führung, die in der Mehrheit aus den
ersten, älteren Führern zusammengesetzt und noch von den Ideen der Liberalen
und der Regierungsquislinge durchdrungen war und außerdem durch besondere
Regierungsmaßnahmen geschwächt wurde, ließ es jedoch zu, an das Smutsregime
verkauft zu werden. Viele von ihnen glaubten noch an passive Resistenz, an
Gandhis Pazifismus der Betteleien, der Gewaltlosigkeit, Petitionen und
Resolutionen. Es wäre jedoch falsch, ihnen die ganze Schuld für die Niederlage
zuzuschreiben. Historisch gesehen, hatte das geknechtete afrikanische Volk in
seiner Gesamtheit noch nicht das für eine durchgreifende soziale Revolution
notwendige Klassenbewusstsein erworben.
Deshalb haben danach junge afrikanische
Studenten und Intellektuelle die historische Last auf sich genommen, Pioniere
neuer Formen der Strategie, Taktik und Politik zu sein. Der zweite Weltkrieg
hat viel zu diesem neuen Erwachen beigetragen. 1943 hat diese neue kämpferische
Jugend durch die Veröffentlichung der Broschüre “Wir rufen alle Afrikaner” -
zur Wiedervereinigung aufgerufen. Wegen der neuen Verschärfung der
Regierungsgesetze, des Terrors und der Gewalt, und neuen Beraubungen der
politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte waren die werktätigen Massen
in ihrer Gesamtheit stärker vereint und gingen in Wirklichkeit ihren Führern
voran. Das ist am besten in der Broschüre „Wir rufen alle Afrikaner” ausgedrückt,
die die Stimmung der unterdrückten Afrikaner widerspiegelt.
“Die Einheit wird laut gefordert... Unter
allen nichteuropäischen Gruppen besteht der starke Wunsch, Waffen nicht nur für
die politische Verteidigung sondern auch für den Angriff zu schmieden. Es
besteht die Entschlossenheit, uns nicht nur zu verteidigen, sondern auch den
Kampf für die vollen demokratischen Rechte zu beginnen... Ein grundlegender
Faktor ist uns allen gemeinsam, das ist die Unterdrückung... Unsere Einheit ist
schon durch unsere Lage im Verband der südafrikanischen Gesellschaft bestimmt.”
So wurde die „Nichteuropäische Bewegung der
Einheit Südafrikas“ (NEUM) gegründet, die mehr als 150 Organisationen aus
verschiedenen Gesellschaftsschichten vereinigt. Der Versuch, die ganze unterdrückte
Nation zu vereinen, wie dies 1935 der Fall war, ist jedoch nicht gelungen.
Gewisse Gruppen, die sich später an die „Kongressbewegung“ anschlossen, haben
sich nicht vereinigt. Der Hauptgegenstand der Zwietracht war die Frage der
Nichtzusammenarbeit mit den Agenten des Imperialismus und Herrenvolkes. Die
Bestrebungen der Masse haben sie jedoch 1955 gezwungen, den „Volkskongress“ zu
gründen.
Bis Anfang der Sechzigerjahre verstärkte sich
der Kampf sowohl auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene und
erreichte damals seinen Höhepunkt. Die gesellschaftliche Revolution in
Südafrika wurde, objektiv wie auch subjektiv zu einer geschichtlichen
Notwendigkeit, aber keine der Massenbewegungen dachte auch nur im entferntesten
daran, sich für die nächste Phase - den militärischen Kampf, zu organisieren.
Die Massen waren bereit, aber die „Kongressbewegung“ hielt es noch mit Gandhi,
und die „Einheitsbewegung“ setzte die Betonung auch weiterhin auf „politische
Bildung“. Der Aufruhr der kämpferischen revolutionären Jugend wurde in beiden
Lagern wieder unvermeidlich. So haben sich 1959 die Panafrikaner vom „Kongress“
getrennt. Die Jugend in der “Demokratischen Union des afrikanischen Volkes in
Südafrika” (APDUSA), die unter der Führung von Dr. Neville Alexander und Dr. K.
G. Abrahams stand, hat die bürokratischen Fesseln der „Einheitsbewegung“
gesprengt und die „Front der nationalen Befreiung Südafrikas“ (NLF) geschaffen.
In den stürmischsten Märztagen 1960 waren die Führer der Massenbewegungen, von
denen die meisten Bücher über die Oktober- oder die chinesische Revolution
verschlangen, nirgends auf dem Schlachtfeld zu sehen, auf dem sich die Massen
der Polizeigewalt, dem Terror und Mord widersetzt hatten. Auf diesem Feld war
nur die unerfahrene kämpferische Jugend. Nur sie hat begriffen, dass es „die
Pflicht der Revolutionäre ist, die Revolution zu entfachen“ (Che).
Gerade zu der Zeit, als die Einheit der
Organisation und Führung am notwendigsten war, herrschte die größte
Uneinigkeit. In den Strassen marschierten für die Freiheit nur die
afrikanischen Massen. Nur die afrikanischen Bauern haben sich in Pondoland und
an anderen Orten erhoben und in diesem Aufstand mussten sie selbst die Komitees
bilden und die Führer wählen. Es ist kein Wunder, dass Verwoerds Regierung
verbrecherisch und brutal wie nie zuvor handeln konnte, denn das ganze
“Herrenvolk” stand geeinigt hinter ihr und darum konnte sie nach Herzenslust
Arbeiter, Bauern und Führer töten und verhaften. Hunderte Menschen der Elite
der afrikanischen revolutionären Intelligenz wurden erschossen, gerieten ins
Gefängnis oder mussten aus dem Land fliehen.
Die Mehrzahl der älteren Führer, die
vergessen haben, dass Demokratie oder Sozialismus sowohl Theorie wie auch
Praxis bedeuten, hat die Gestapo ebenfalls aus ihren Fauteuils gezogen und die
anderen mussten außer Land fliehen. Einigen Angehörigen der kämpferischen
Jugend gelang der strategische Rückzug, sich zu verbergen oder das Land zu
verlassen, um sich für die Guerillakriegführung vorzubereiten.
Im jetzigen Augenblick gibt es keinen
einzigen Führer der südafrikanischen Befreiungsbewegung, der diesen Namen
verdient, und der den kontinentalen und internationalen Charakter der
kolonialen Revolution nicht anerkennen würde. Eine geschichtliche Notwendigkeit
ist heute nicht nur die Einheit zwischen den südafrikanischen
Freiheitsbewegungen, sondern auch mit anderen Bewegungen in Afrika, die dafür
kämpfen, das Joch des Kolonialismus und Neokolonialismus abzuwerfen. Diese
Aufgabe hat weitaus größere Dimensionen: „zwei, drei, mehr Vietnams zu
schaffen“ (Che). Das ist die einzige Hoffnung auf Freiheit in Südafrika
geworden.
Die jungen kämpferischen südafrikanischen
Revolutionäre in der Verbannung heben in ihrem Organ „Unity“ (Einheit) von
Oktober 1967 folgendes hervor:
“a) Die Einheit ist die erste unumgängliche
Notwendigkeit um einen langwierigen Kampf zu führen, und der Kampf gegen den
Imperialismus und Neokolonialismus muss notwendigerweise langwierig und von
schweren Opfern, ja auch dem Verlust des Lebens begleitet sein;
b) Die Vorbedingung des vereinigten Kampfes
ist der vollständige Bruch mit dem Imperialismus und seinen Agenten in allen
Ländern;
c) Die maximale Einheit kann nur in der
praktischen Führung des Kampfes verwirklicht werden, unter der Bedingung, dass
dieser Kampf unabhängig, frei vom Einfluss der Ideen der feindlichen Klasse ist
und eine prinzipielle Grundlage, und eine richtige Politik besitzt;
d) Eine kontinentale Organisation unter einem
zentralen Kommando ist unbedingt notwendig, sowohl als kurzfristige Politik wie
auch als lang andauernder Kampf für die Freiheit und tatsächliche
Unabhängigkeit.“
Einer der Begründer der Südafrikanischen
Front für nationale Befreiung hat schon 1965 in einem Artikel die bittere
Wahrheit über Südafrika verkündet, die wir heute in Vietnam erleben:
„Unser Kampf hängt von der revolutionären
Armee ab, in der die Bauern und Arbeiter die Hauptbatallione stellen würden.
Die Revolution wird blutig und langwierig sein und von den Unterdrückten
unendliche Opfer und einen schweren Blutzoll an Menschenleben fordern. Das neue
Südafrika wird, ebenso wie das neue Cuba und das neue Vietnam, von Kopf bis Fuß
mit Blut bespritzt geboren werden. Das ist notwendig und unvermeidlich... das
Regime des „Herrenvolkes“ muss in Blut ertränkt werden. Es gibt keinen anderen
Weg zur Freiheit.”
Und ist denn für dieses Opfer nicht eine
revolutionäre, prinzipielle, organisatorische Einheit notwendig?
Ansprache an die Kongress-Allianz, die in einer Sackgasse steckt
In der Republik Südafrika steht die Mehrzahl
unserer Intellektuellen des nichtweißen Lagers ‑ zuzüglich der wenigen
weißen Sympathisanten ‑ dem Marxismus sehr kritisch gegenüber, da man ihn
zumeist mißversteht. Viele unserer besten Kampfgefährten befinden sich sogar
immer noch darüber im Zweifel, ob unsere Millionen Industrie‑ und
Farmarbeiter die hauptsächliche Triebkraft für soziale Veränderungen in diesem
unglücklichen Land sind und sein werden. Sie fragen sich, ob Sozialismus ‑
auf südafrikanische Bedingungen bezogen ‑ überhaupt erforderlich ist, um
die arbeitenden Massen bei ihren Bemühungen, sich der Schrecknisse der
Apartheid zu entledigen und eine vernünftigere Welt zu errichten, zu leiten.
Manche sind sogar der Ansicht, daß nach den letzten Hexenjagden, den 90‑Tage‑Verhaftungen
von Hunderten und den Massenfestnahmen von Tausenden der Freiheitsbewegung in
Südafrika das Rückgrat gebrochen ist und wir vielleicht Jahrzehnte warten
müssen, bevor wir uns reorganisieren können. Andere hoffen auf das Ausland ‑
trotz der Lektionen im Kongo oder in Vietnam ‑ und auf eine Befreiung von
dort, beispielsweise in der Form einer direkten militärischen Intervention der
Vereinten Nationen. Was für ein Mißachten, was für ein Mißverstehen der
historischen sozialen Entwicklung! Soll dies heißen, das revolutionäre
Potential sei mit dem Verschwinden der leitenden Persönlichkeiten, welche aus
den Massen herausgegriffen und in das Konzentrationslager von Robben Island
deportiert wurden, ebenfalls verschwunden? Oder repräsentierten gar einige
dieser Führer Organisationen, die ihre Wurzeln lediglich in den gehobenen
sozialen Schichten besaßen, und vernachlässigten sie völlig die Führung des
Proletariats und der Bauernschaft?
Viele unter uns argumentieren u. a.
folgendermaßen gegen den wissenschaftlichen Sozialismus:
1. Sozialismus und Liberalismus sind Relikte des
vorigen Jahrhunderts; sie können die gegenwärtig herrschenden Tendenzen und
Kräfte nicht erklären.
2. Die müde und vernachlässigte arbeitende Klasse
kann durch die Intelligenz als neue Triebfeder für die sozialen Veränderungen
heutzutage ersetzt werden.
Diese afrikanischen Intellektuellen mögen den
Sozialismus zugunsten von Humanismus, Moralität oder sogar Christentum
ablehnen. Aber sie haben doch vieles gemeinsam ‑ sie wenden sich ehrlich
gegen die herrschende Rassenpolitik und die Gräuel des südafrikanischen
Herrenvolkes. Im internationalen Bereich wollen sie den „kalten Krieg“ beendet
wissen, die unsichere Balance of Power, die katastrophenträchtige
internationale Diplomatie; sie wollen einen erneuten Weltkrieg genauso
verhindern wie eine nukleare Vernichtung der Menschheit und sie kämpfen gegen
Militarismus und Bürokratie (wenn auch in begrenztem Maße). Weiter unterstützen
sie Paßkampagnen, Streiks, Boykotte, Sanktionen und Studentendemonstrationen,
obwohl viele von ihnen an Sektierertum, überholten politischen Vorstellungen
und organisatorischen und stammesbedingten Streitigkeiten der Vergangenheit, an
Opportunismus und Karrierestreben starrköpfig festhalten. Dreihundert Jahre
„divide et impera“, Rassismus, Unterdrückung und Ausbeutung haben tiefe Spuren
im Bewußtsein und in der physischen Konstitution der afrikanischen Bevölkerung
hinterlassen. Weil mehr als 60 Prozent der afrikanischen Bevölkerung
jahrzehntelang unter dem Existenzminimum dahinvegetierte und weil Hunger,
Unterernährung, Armut und Elend die Lebensbedingungen von Tausenden zerrüttet
und fast vernichtet haben, haben viele den Sinn für Realität, jede
Urteilsfähigkeit und Orientierung verloren und leben unter ungesunden und
inhumanen Verhältnissen. Nicht das „Wesen“ des Afrikaners ist die Ursache. All
dies ist das Ergebnis der brutalen Unterdrückung durch das weiße Südafrika.
Doch noch leben Männer und Frauen in Südafrika, die dem Kampf um die Freiheit
als dem Ziel der Massen treu geblieben sind und sich radikaler Politik
zugewandt haben.
Unsere junge Generation der linken Intelligenz
sieht sich sehr komplexen Problemen gegenüber; sie versuchen in intensiver
Arbeit sich eine Orientierung auf theoretischem und wissenschaftlichem Gebiet zu
verschaffen; noch mehr bemühen sie sich, die brauchbaren und notwendigen
Theorien in Praxis umzusetzen. Hunderten fehlt die Erfahrung auf politischem
Gebiet, Tausenden mangelt es an der notwendigen Vorsicht, an Schnelligkeit und
Genauigkeit bei der Untergrundarbeit, zu der sie in den letzten Jahren
gezwungen gewesen sind, und allgemein sind viele in bezug auf zahlreiche
Tendenzen orientierungslos und ohne Konzept. Und doch sind sie nicht müde, sie
sind bereit zur Aktion, sie suchen nach der richtigen Orientierung und brennen
vor Eifer, gegen Apathie vorzugehen. Sie hoffen Apartheid und ihre ökonomische
Basis abschaffen zu können, ohne Haß gegen die Weißen; sie wollen ihnen endlich
das klarmachen, was sie nicht begriffen haben und nicht begreifen konnten, weil
sie jahrhundertelang blind waren durch die Maske kapitalistischer Profitsucht.
Die afrikanische Jugend ist für einen neuen Start gerüstet. Die Welt muß ihr
Aufmerksamkeit schenken, ob sie will oder nicht. Aus ihrer Mitte, reif in
Gedanke und Handlung, kommen verläßliche Vertreter und Führungskräfte eines
freien Südafrikas von morgen. Die Hunderte von Freiheitskämpfern, die
Kerkerhaft, Quälereien und entwürdigende Erniedrigung erlitten haben, geben der
Welt ein Bild von den zukünftigen Trägern einer demokratischen Regierung des
zukünftigen Südafrikas. Die beispielhafte Weise, in der sie die schwere Prüfung
unter dem Joch der Neofaschisten in Südafrika ertragen, beweist, daß das
unterdrückte Volk allen Grund hat, stolz auf eine Generation zu sein, die heute
für die Verwirklichung seiner Ideale ins Gefängnis geht.
Intellektuelle, radikale Studenten und
aufständische Bauern haben in der Vergangenheit eine große Rolle gespielt und
werden dies in Zukunft gleichermaßen tun. Aber ihre Vorstellung einer unabhängigen
sozialen Kraft als eines treibenden Faktors der Geschichte läßt sie eine
verzerrte Vorstellung von ihren objektiv‑realen Möglichkeiten in unserer
gegenwärtigen Epoche gewinnen. Eines ist unbestritten: individualistische und
pazifistische, ungebundene und isolierte Gruppen, die friedlich mit den
Imperialisten koexistieren, parlamentarische und propagandistische
Aktionsmethoden oder direkte Fremdinterventionen sind völlig wirkungslos und
unfähig, die Regierung Verwoerd und den ausländischen Imperialismus von ihren
Thronen zu stürzen. Trotz der Rassengesetze, die ihnen Streiks untersagen, die
ihnen verbieten, sich zu versammeln, sich gewerkschaftlich zu organisieren oder
den Status „Angestellter“ oder „Arbeiter“ anzunehmen, trotz Furcht und Terror
tragen die arbeitenden Massen Südafrikas gesamte Wirtschaft, die weitest
entwickelte der gesamten südlichen Hemisphäre und Afrikas. Deshalb muß der
Freiheitskampf in Südafrika radikale soziale Veränderungen zum Ziel haben, die
allein den Weg zur Demokratie freimachen können.
Dies alles will Sozialismus besagen, trotz der
Tatsache, daß während der letzten Jahrzehnte vieles daran verzerrt und
verfälscht worden ist. Sein Wert liegt in seiner fortwährenden Fähigkeit, die
widersprüchliche Entwicklung unserer Gesellschaft in jedem Stadium zu
interpretieren. Er betont immer wieder die tragende Rolle der
Industriearbeiterschaft für die Umgestaltung der Gesellschaft vor wie nach der
Ablösung des Kapitalismus aus seiner zentralen Position in der gegenwärtigen
Ökonomie. Die antagonistischen Produktionsverhältnisse zwischen den
Kapitalisten einerseits und den Afrikanern, die den Reichtum Afrikas
produzieren, andererseits sind eine durch liberaldemokratische Maßnahmen nicht
aufzuhebende Quelle des sozialen Kampfes, unabhängig vom Rassenproblem. Die
Auseinandersetzung in Südafrika ist a priori ein Klassenkampf ‑
arm gegen reich. Das Herrenmenschtum hat das Instrument zu seiner Abschaffung
selbst erzeugt ‑ in der Gruppe, die es am stärksten ausbeutet und
unterdrückt: der nicht‑weißen arbeitenden Klasse.
Die Niederlagen und der nachfolgende Defätismus
der Arbeiter im Osten, Westen und den sogenannten „blockfreien“ Staaten sind in
erster Linie den Köpfen der Arbeiterbewegung zuzuschreiben ‑ ob
sozialistisch, syndikalistisch oder pro‑demokratisch ‑ die ihr
bestes taten, um die Arbeiter zu desorientieren und zu demoralisieren. In
ähnlicher Weise haben sich auch in Südafrika Studenten, Intellektuelle und
Bauern in die Arena begeben und besetzten die vakanten Führungspositionen
vorübergehend ‑ aber sie sind nur die Vorbedingung für das Wiedererwachen
der arbeitenden Klasse.
In absehbarer Zukunft werden die nicht‑weißen
Bauern und unsere Arbeiter zu den zentralen Figuren des südafrikanischen Dramas
werden ‑ sie sind auf dem Wege, Südafrika zu verändern ‑ und wir
sollten den Prolog nicht mit dem Spiel selbst verwechseln.
Wenn wir statt Imperialismus gegenseitige
Wirtschaftshilfe unabhängiger Nationen, statt stalinistischer Bürokratie
demokratische Selbstbestimmung der arbeitenden Klasse, statt Krieg Frieden,
statt Verewigung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse nicht technischen,
sondern auch sozialen Fortschritt wollen, müssen wir uns aktiv dafür einsetzen,
aus „Einsicht in die Notwendigkeit“ an wahrer Freiheit, d. h. immer Freiheit
des anders Denkenden“ orientiert, und müssen daran denken, daß Demokratie und
Sozialismus letztlich eins sind. Dies ganz im Sinne von Rosa Luxemburg und
Ernst Bloch:
„Keine Demokratie ohne Sozialismus, kein
Sozialismus ohne Demokratie, das ist die Formel einer Wechselwirkung, die
überhaupt die Zukunft entscheidet.“ 1)
Übers. vom Autor
Der vorliegende Artikel entstammt dem Buch des
Autors: „Gloom Over Southern Africa“, Lee, Franz J. T., Spark Publications,
Accra, Oct. 1965, ca. 150 Seiten Paperback, DM 3,50.
1) Bloch, Ernst, Naturrecht und menschliche
Würde, 1961, Suhrkamp, S. 232
Der Leidensweg der Afrikaner von Verwoerd zu Vorster
Am 6. September 1966 posaunten die Schlagzeilen
der Zeitungen die Nachricht über den ganzen Globus: Verwoerd
ermordet. „Weiß Afrika“ vergoß Kübel von Tränen.
Viele gaben „ihrem“ Premier die letzte Ehre, die schwarzen Tschombés
eingeschlossen. Lobhymnen erschallten. Ergeben und treu hatte Verwoerd als Höllenwärter
des Rassismus in der westlichen Welt bis zum bitteren Ende gedient.
Balthazar Joh. Vorster steht seitdem an
der Spitze der Südafrikanischen Republik. Bedeutet dies eine Änderung der
Apartheidpolitik? Hat sich der Lebensstandard der Nichtweißen verbessert? Keine
bemerkenswerte Veränderung konnte in den letzten vier Monaten festgestellt
werden.
Verwoerd war der Ideologe und Architekt der
Apartheid. Er baute aus dem primitiven Buren‑Glauben an die „Herrenrasse“
ein pseudowissenschaftliches System: Weiße Treuhänderschaft, getrennte
Entwicklung, Bantu‑Erziehung. Zwar kritisierte ihn die „freie Welt“,
jedoch akzeptierte sie Verwoerd als ausgesprochen nützlich, sofern es darum
ging, ihre fünf Milliarden-Dollar‑Investitionen und ihre manchmal bis zu
29 Prozent steigenden Profite zu schützen. Den Rassisten in und außerhalb Südafrikas
und den Vertretern der internationalen Banken bescherte der gewaltsame Tod
Verwoerds eine Periode der Furcht und Unsicherheit. Wird Vorster so erfolgreich
sein wie sein Vorgänger?
Vorster besitzt nicht die intellektuellen
Fähigkeiten des Vorgängers. Er ist eher ein brutaler Polizeichef. Als
Justizminister im Kabinett Verwoerd ist er verantwortlich für den größten Teil
der repressiver Gesetzgebung seit 1960, hauptsächlich aber für deren
rücksichtslose Praktizierung Hausarreste, Verbannungen, Polizeiterror
Folterungen, Entführungen, Morde.
In einem Vortrag vor dem UNO‑Sonderkomitee
für Apartheid vom 14. Dezember 1966 in New York erklärte ich: „Die Ermordung
Verwoerds bedeutet lediglich seine Ersetzung durch eine ähnliche vielleicht
noch reaktionärere politische Figur. Das System bleibt erhalten, nur die
Akteure wechseln. Solch ein Wechsel mag sogar eine Intensivierung der
Unterdrückung bedeuten. Schon mehren sich die Zeichen, daß die Südafrikanische
Regierung den Mord als Vorwand benutzen wird, alle noch verbliebenen Ritzen des
totalitären Walls, der die Nichtweißen in Südafrika einsperrt, zu verkitten.“
Das Regime Verwoerds legalisierte den Terror und
schuf ein politisches System jenseits allen Rechts. Die Afrikaner wurden ihres
letzten Zipfelchen Lands beraubt, sie verloren ihre ohnehin äußerst spärlichen
politischen Rechte und leben nun ohne die elementaren Voraussetzungen
menschlicher Freiheit. Vier Fünftel der südafrikanischen Bevölkerung wurden in
ihrem eigenen Geburtsland zu Fremden erklärt. Dies alles aufrechtzuerhalten war
Verwoerds Aufgabe ‑ sein Erbe tritt nun Vorster an.
In Zukunft werden die burischen Bodenbesitzer,
die englischen Minenmagnaten, die American Corporation und der Verband der
Südafrikanischen Industrieunternehmen sich fest zusammenschließen müssen, um
ihr Paradies am Fuße des schwarzen Kontinents zu erhalten. Sie sind ganz und
gar angewiesen auf eine Gruppe gutwilliger Arbeitstiere, auf das Reservoir
billiger afrikanischer Arbeitskräfte. Die materielle und intellektuelle Unterdrückung
der Afrikaner bildet daher die notwendige Basis des südafrikanischen
Gesellschaftssystems mit seinem Schwerpunkt in den Minen, der Industrie und der
Landwirtschaft.
Den herrschenden Interessen diametral
entgegengesetzt ist das allgemeine Interesse der Unterdrückten Südafrikas: die
Eroberung politischer Macht und die Beseitigung der heutigen sozial‑ökonomischen
Struktur der Gesellschaft. Nur so kann in dem am höchsten industrialisierten
Land Afrikas ein Wirtschaftssystem aufgebaut werden, das den Interessen der
ganzen Nation dient.
Trotz brutaler Unterdrückung gewinnen die
Massenorganisationen des Volkes eine immer stärker werdende Dynamik und einen
einheitlicheren Charakter. Eine neue Nation, ein neues Südafrika ist im
Aufbruch. Die objektive Möglichkeit für eine wahre Demokratie in Südafrika
existiert schon. Um sie zu verwirklichen bedarf es der vereinten Aktion der
unterdrückten Massen.
Rede von Franz J. T. Lee vor dem Sonderausschuß der UNO über Apartheid
Viele Südafrikaner und Nichtsüdafrikaner meinen,
die Freiheitsbewegung in diesem Land sei zerschlagen. Sie halten daher eine
revolutionäre Erhebung der unterdrückten Massen in Südafrika mit dem Ziel der
Befreiung von der Tyrannei, der Apartheidpolitik, für unwahrscheinlich. Da sie
die Hoffnung darauf verloren haben, klammern sie sich an die Idee, daß nur
Interventionen von außen imstande wären, die politische Situation zu verändern.
Nach dieser Konzeption sollen ökonomische Sanktionen und militärische
Interventionen die südafrikanische Regierung zur Vernunft zwingen.
Angesichts der historischen Erfahrung ist dies
jedoch illusionär. Zwar kann die zivilisierte Welt nicht genug tun in der
Verdammung der Rassentrennung. Aber die Politik der Staaten, die wirksamen
Druck auf Südafrika ausüben könnten, und das Verhalten internationaler
Organisationen, die weitgehend vom Interesse der eben erwähnten Länder
beeinflusst sind, legen den Schluß nahe, daß nicht das geringste reale
Interesse an einer Veränderung der Situation besteht, in der die Farbigen in Südafrika
leben müssen. Der Beschluß des Internationalen Gerichtshofs über den Status
Südwest‑Afrikas ist nur das letzte sich aufdrängende Beispiel für diesen
Tatbestand. Nicht einmal die wertvolle Arbeit dieses Sonderausschusses, der
Informationen gesammelt und analysiert, die Schrecken der Apartheid der ganzen
Welt vor Augen gebracht und konkrete Vorschläge zu deren Oberwindung gemacht
hat, hat die geringsten Spuren im politischen Handeln der Völker hinterlassen.
All dies zeigt, daß das Ende der Unterdrückung in Südafrika nicht von der
Intervention anderer Staaten oder Organisationen erhofft werden darf.
Die Gründe für die Erhaltung des status quo
in Südafrika sind nicht schwer zu finden. Ende 1962 waren dort die
ausländischen Investitionen auf 4,222 Mrd. Dollar angewachsen, davon betrug der
englische Anteil 60 Prozent, der amerikanische 11 Prozent. Im gleichen Jahr
betrug die durchschnittliche Nettoprofitrate der in Südafrika operierenden
amerikanischen Firmen 25 Prozent. 99 Prozent des Kapitals im Bergbau, 94
Prozent des Industriekapitals, 88 Prozent des Finanzkapitals und 75 Prozent des
Handelskapitals standen unter Kontrolle des Auslands. Mit Sanktionen gegen
Südafrika würde sich daher das Ausland ins eigene Fleisch schneiden.
Wenn es keine Perspektive für eine radikale
Änderung in Südafrika ‑ weder von innen noch von außen ‑ gibt, so
sieht die Zukunft der nicht‑weißen Bevölkerung in der Tat düster aus.
Jedoch bin ich davon überzeugt, daß solche Schlußfolgerungen unhaltbar sind.
Die Revolution hat eine sehr reale Chance in Südafrika. Im Laufe der letzten
dreißig Jahre entwickelte sich dort ein revolutionäres Potential, das auch
jetzt nicht aufhört, sich zu vergrößern. Dieser Prozeß steht in engem
Zusammenhang mit der Geschichte von Organisationen, die sich um das „Unity
Movement“ gruppieren und außerhalb Südafrikas wenig bekannt sind. Ich glaube,
daß Programm und Politik des „Unity Movements“ den Schlüssel zur
südafrikanischen Revolution enthalten. Daher möchte ich jene so wichtige
Entwicklung kurz skizzieren.
Eine Folge der britischen Eroberung Südafrikas
und der Zerstörung der Burenrepubliken war die Entstehung einer Schicht
farbiger Intellektueller, die jedoch vom herrschenden englischen
Bevölkerungsteil durch Privilegien materiell und psychologisch in Abhängigkeit
gehalten wurden. Die englische Kolonialmacht erschien den nicht‑weißen
Massen als Bollwerk gegen die Brutalität der Buren. Die Existenz eines
repressiven Abhängigkeitsverhältnisses unter dem Deckmantel von
Schutzleistungen ist eine typische Erscheinungsform des imperialen
Liberalismus. 1932 fand dann das gemeinsame Interesse der Buren und Engländer
an der Akkumulation von Kapital seinen politischen Ausdruck in der vom Geld
geheiligten Ehe zwischen holländischem Feudalismus und britischem Imperialismus:
der Koalitionsregierung von Smuts und Hertzog. (Bereits intendiert im „Act of
Union“, 1910.) Produkt dieser nationalliberalen Koalition waren die drei
berüchtigten Hertzog‑Gesetze. Die Afrikaner wurden ihrer letzten
politischen Rechte beraubt, verloren all ihr Land und ihre Freizügigkeit auf
dem Arbeitsmarkt.
Dieser Verrat des Liberalismus brachte die
afrikanische Bevölkerung in Bewegung. Im Dezember 1935 fand die Gründung der
„All African Convention“ statt, einer repräsentativen Föderation aller afrikanischen
Arbeiter‑, Bauern‑ und sonstigen Organisationen. 500 Delegierte
diskutierten hier über Maßnahmen gegen die Hertzog‑Gesetze. Ein
demokratisches Programm wurde erarbeitet. Seine zentralen Forderungen sind:
1. Das allgemeine Wahlrecht: das Recht jeder Frau
und jeden Mannes über 21 Jahre zu wählen und in das Parlament und alle
Körperschaften der Verwaltung gewählt zu werden.
2. Schulpflicht, freie und gleiche Erziehung
aller Kinder sowie unentgeltliche Verpflegung, freie Lernmittel und Schulausrüstung
für Bedürftige.
3. Wahrung der Menschenrechte im Justizverfahren
(Habeas Corpus Rights).
4. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit,
Versammlungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit.
5. Freizügigkeit und freie Berufswahl:
Abschaffung der Paßgesetze, das Recht für die ganze Bevölkerung, nach eigener
Wahl zu wohnen und zu arbeiten.
6. Abschaffung der „color-bar laws“: gleiche
Rechte für alle Bürger ohne Ansehen der Rasse.
7. Eine gerechte Neuverteilung des Landes unter
die, die es bebauen.
8. Änderung des Steuersystems, das die Armen
ausbeutet. Statt dessen Etablierung einer einzigen progressiven Steuer.
9. Absolute Gleichheit aller Bürger vor dem
Gesetz; Abschaffung aller mit der Menschenwürde unvereinbaren Strafen.
10. Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, gleiche
Chancen, eine Lehre abzuschließen und Arbeit zu finden, sowie die Festsetzung
eines Minimallohnes für alle.
Basis der Verwirklichung der geforderten Rechte
sollte eine Politik absoluter Non-Kollaboration mit den Unterdrückern und
uneingeschränkte gegenseitige Solidarität sein.
Die Regierung antwortete mit
Einschüchterungsversuchen und Versprechen von Privilegien, denen dann auch
einige der ursprünglich mit der AAC verbundenen Gruppen auf den Leim gingen.
Ihren gegen die Politik der AAC gerichteten strategischen Alternativen lag
allesamt der Kompromiß mit dem Liberalismus zugrunde. Vorangetrieben jedoch
wurde der Freiheitskampf von denen, die sich an den radikal‑demokratischen
Grundsätzen des Programms der AAC orientierten und damit auch dem Prinzip der
revolutionären Einheit Rechnung trugen.
1943 wurde von der Regierung ein Ministerium für
Mischlingsangelegenheiten eingerichtet. Nun begannen die Mischlinge
erbitterter denn je zu kämpfen. Sie befürchteten ähnliche Restriktionen, wie
sie - als Resultat der Hertzog-Gesetze ‑ die Afrikaner erdulden mußten.
Jetzt konnte die Basis des Freiheitskampfes durch den Zusammenschluß aller
Unterdrückten gegen den gemeinsamen Feind erweitert werden: Auf Initiative der
AAC wurde „The Unity Movement of South Africa“ gegründet. Zwar schlossen sich
ihm nicht alle Organisationen an, u. a. der „African National Congress“ und
der „Indian Congress“. Aber deutlich sichtbar war mit der neuen Institution die
Einheit der Unterdrückten politisch artikuliert. Die Einheitsbewegung bekannte
sich zum 10‑Punkte‑Programm und zur Politik der Non‑Kollaboration.
Seit ihrer Gründung im Jahre 1935 sah die AAC in
den wandernden Landarbeitern (migratory peasantworkers) die zentrale Gruppe
des Freiheitskampfes. Die Farmarbeiter bilden nicht nur die zahlreichste,
sondern auch die am bittersten ausgebeutete Gruppe in Südafrika. Daher sind sie
das stärkste revolutionäre Potential. Diese Gruppe wurde geduldig und
intensiv über das 10‑Punkte‑Programm und die Politik der Nicht‑Zusammenarbeit
unterrichtet. Als Folge verschärfter Unterdrückung, aber auch als Resultat der
jahrelangen, oft isolierten Aufklärungsarbeit des „Unity Movement“ kam es 1960
zu großen Massenerhebungen. Am dramatischsten waren wohl die brutal
niedergeschlagene Revolte in Pondoland, wo für Monate Bauernkomitees
Regierungsfunktionen ausübten und die „Anti-Paß“‑Demonstrationen von
Sharpeville, Johannesburg u. a., die von der Verwoerd‑Polizei durch
blindes Morden erstickt wurden. Den Aktionen dieses Jahres fehlte es zum
größten Teil an adäquater Planung und Leitung; die Befreiungsfront sollte aus
den Fehlern der Vergangenheit lernen. Die grauenhaften und doch auch
wundervollen Ereignisse bewiesen daher nicht nur den Heroismus und die
Unnachgiebigkeit der afrikanischen Menschen, sondern erstmalig in der Geschichte
des modernen Südafrika die schon ausdrucksfähige Existenz einer revolutionären
Basis: Die Massen der Farmarbeiter waren in Bewegung geraten.
Diese neue Situation verlangte einen ihr
adäquaten Organisationstyp. Zur Weckung politischen Bewußtseins und zur
Ausbildung qualifizierter Kader leisteten die im „Unity Movement“
zusammengefaßten Gruppen außerordentlich gute Dienste. Die Organisation der
unterdrückten Massen selbst zu einer einheitlichen revolutionären Macht jedoch
erforderte stärkere Zentralisierung. Dies wurde 1961 mit der Gründung einer
politischen Partei, der „African Peoples Democratic Union Of Southern Africa“,
erreicht. Auch sie bekannte sich zum 10‑Punkte‑Programm und der
Politik der Non‑Kollaboration. Die Wendung „Southern“ statt „South
Africa“ zeigt, daß der Freiheitskampf der APDUSA nicht isoliert, sondern Teil
der Emanzipationsbewegungen auf dem ganzen afrikanischen Kontinent ist. Seit
den Aufständen 1960 und der Gründung der APDUSA verschärften sich die
Unterdrückungsmaßnahmen der Rassenpolitik. Notstandsproklamationen in den
Reservaten, das 90‑Tage‑Haft‑Gesetz, das 180‑Tage‑Haft‑Gesetz
und das Sabotage‑Gesetz dienen noch immer dem verzweifelten Versuch des
Regimes, eine Massenbewegung zu zerstören durch brutalen Terror gegen ihre
Avantgarde, durch Verbannung, Gefängnis, Folter und Mord. Jedoch gelang es der
APDUSA und dem „Unity Movement“, die ganze Basis der südafrikanischen
Gesellschaft zu durchdringen: in Bergwerken, in den Dörfern der Reservate, in
Plantagen und Fabriken, überall, wo die Unterdrückten arbeiten und leben,
verbreitete sich das Programm und organisierten sich die revolutionären Kräfte.
Die aufopferungsvolle Arbeit von Mitgliedern der
APDUSA trug Früchte: einige der größten Bauernorganisationen, darunter die
MAKHULUSPAN und die FITA KHOMO, wurden während der vergangenen drei Jahre für
die Einheitsbewegung gewonnen. Das „Unity Movement“ entwickelte sich zur
Massenorganisation. Die zunehmende Politisierung der Bauernorganisationen,
deren Integration in die Einheitsbewegung und ihre zunehmende Bereitschaft,
sich mit Strategie und Taktik der APDUSA zu identifizieren, widerspricht
signifikant der These von der Demoralisierung und Schwächung des Widerstands
gegen das Apartheidregime. Angesichts schärfster Verfolgung wurde die
Freiheitsbewegung nicht nur größer, sondern auch bewußter und unnachgiebiger.
Mit dem quantitativen und qualitativen
Fortschritt der Bewegung werden auch Akte individuellen Terrors ‑ wie die
Ermordung Verwoerds ‑ immer seltener werden. Wir bedauern solche
Vorfälle, die dem gesellschaftlichen Kampf um Freiheit und Würde widersprechen
und sich aus der historischen Perspektive als vergeblich und irrational
erweisen.
Die Ermordung Verwoerds bedeutet lediglich seine
Ersetzung durch eine ähnliche, sogar noch reaktionärere politische Figur: das
System als solches bleibt bestehen, nur seine Verwaltung wird ausgewechselt.
Verwoerd war der Ideologe und Architekt der Apartheidpolitik, der gegenwärtige
Premier Vorster aber ist der Typ des Gestapo‑Technokraten. Es sieht
nämlich so aus, als sei Verwoerds Ermordung der Regierung ein willkommener
Vorwand, auch noch die letzten Ritzen des totalitären Walls zu verkitten, der
die Nichtweißen in Südafrika einsperrt.
Durch Niederlage und Verrat hindurch geht die
Freiheitsbewegung ihrem Ziel entgegen. Weder repressive Maßnahmen noch
Konzessionen der Regierung können auf die Dauer die südafrikanischen Massen von
der Verwirklichung ihrer historischen Aufgabe ablenken: der Beseitigung der
Apartheid und des Systems ökonomischer Ausbeutung, dem sie dient.
New York, 14. 9. 1966
Aus dem Englischen übersetzt von Bettina Decke.
Dr. Alexander und die Justiz in Südafrika
In den beiden letzten Ausgaben des DISKUS hat
sich ein Mitarbeiter dieser Zeitung darum bemüht, „alle (!) erreichbaren
Informationen und Stellungnahmen zum Prozeß gegen Dr. Alexander“ vorzulegen,
auch die „von südafrikanischer Seite“ (d. h. den Standpunkt der Buren, denn die
farbige Mehrheit von 80% zählt nicht als „südafrikanisch“). Die kritischen
Zwischentexte von R. F. richten sich allerdings vorzugsweise gegen „die
skrupellosen Meinungsmacher“, die für Dr. Alexander und gegen den burischen
Rassismus eingetreten sind. Was herausdestilliert werden soll, ist
unzweideutig: alles halb so schlimm, der Alexander hat eben doch Sabotage
begangen.
Das bedarf der Korrektur, denn in der Tat sind
die Verhältnisse in Südafrika weitaus zweifelhafter, als selbst die
kritischsten Berichte in der Bundesrepublik erkennen lassen.
Es ist im DISKUS bestritten worden, daß Dr.
Alexander wegen Verteilens von Flugblättern verhaftet worden sei. Zu recht ‑
jedoch ist es wohl verständlich, daß über den Grund der Verhaftung lange Zeit
nur Vermutungen angestellt werden konnten, zumal der südafrikanische
Justizminister Vorster auf Anfragen des VDS und anderer Organisationen
beharrlich schwieg. Zu dieser Zeit wurde Dr. Alexander von der Geheimpolizei
ohne Haftbefehl und ohne Kontakt zu seinem Rechtsanwalt in Einzelhaft gehalten,
was zur Ermittlung exakter Daten nicht gerade beitrug.
Es wäre im übrigen ein Leichtes gewesen, Dr.
Alexander wegen des oben erwähnten „Deliktes“ oder einer ähnlichen Handlung zu
verurteilen: das Sabotage‑Gesetz von 1962 enthält u. a. den Gummi‑Paragraphen,
der „unbefugtes Betreten irgendeines Grundstücks oder Gebäudes“ unter Strafe
stellt (5 Jahre Strafinsel bis Todesstrafe). Wer dessen angeklagt wird, muß
beweisen (nicht etwa der Ankläger), daß er dabei nicht beabsichtigte, irgendein
politisches Ziel zur sozialen oder wirtschaftlichen Veränderung in Südafrika zu
verfolgen.
Als hervorragendes Beispiel für diese
südafrikanischen Formen von Rechtspflege können auch die Urteile gelten, die am
12. Juni im sogenannten Sabotageprozeß vom Obergericht in Pretoria ergangen
sind. Die acht Angeklagten, der Generalsekretär des Afrikanischen
Nationalkongresses (ANC), Nelson Mandela, sowie sieben weitere leitende
Funktionäre wurden zu lebenslang Zuchthaus verurteilt. Mandela droht sogar der
Strang.
Der Afrikanische Nationalkongreß, dessen Präsident
der Friedensnobelpreisträger Albert Luthuli ist, gilt auch über Afrika hinaus
als eine Organisation, die ihren Zielen mit gemäßigten Mitteln nachgeht
(passiver Widerstand) und einer pazifistischen Grundkonzeption folgt.
Anklagepunkte und Urteilsbegründung unterscheiden sich nirgendwo von den
Klischees und Stereotypen, die in den letzten Jahren die Ausschaltung der
oppositionellen farbigen Afrikaner ideologisch und formal zu rechtfertigen
hatten: „Zugehörigkeit zu einer illegalen Organisation, Vorbereitung und
Verwirklichung von Sabotageakten, Förderung des Kommunismus, Annahme und
Weitergabe von Geldmitteln zur Verwirklichung des Sabotageplans“ (Vgl. FAZ vom
13. 6. 64, S. 3)
Der DISKUS‑Autor zitiert die Tübinger
Professoren Raiser und Beißner mit dem Urteil der INTERNATIONALEN
JURISTENKOMMISSION, wonach das Sabotage‑Gesetz „die Freiheit des Bürgers
bis zu einem Grad einschränkt, wie es von der extremsten Diktatur noch nicht
überboten wurde“, als ein Beispiel „propagandistischer Verteufelung“
Südafrikas. Allerdings jedoch ist die Schwelle zur Willkürjustiz totalitärer
Prägung im Mai 1963 mit dem „GENERAL LAW AMENDMENT ACT“ überschritten worden,
unter den auch das berüchtigte 90‑Tage‑Haft‑Gesetz zu rechnen
ist. Man hat offen zugegeben, daß dieses Sammelgesetz verabschiedet wurde mit
dem Ziel, die Freilassung des Führers des PAN AFRICAN CONGRESS (PAC), Robert
Sobukwe, nach Verbüßung einer dreijährigen Gefängnisstrafe zu verhindern. Dem
Justizminister ist dadurch die Vollmacht gegeben, jede von einem Gericht ausgesprochene
Freiheitsstrafe beliebig zu verlängern, wenn er es für wahrscheinlich hält, daß
der Gefangene „die Erreichung irgendeines der Ziele des Kommunismus
befürwortet, empfiehlt, verteidigt oder ermutigt“.
Es ist bekannt, daß die Buren unter diesen Zielen
jedes Eintreten für eine Veränderung der politischen, sozialen und
gesellschaftlichen Verhältnisse bzw. für die Gleichheit der Rassen verstehen.
Wer aus Gründen dieser Art mit einer ausländischen Organisation (beispielsweise
der UNO) zusammengearbeitet hat, kann nach diesem Gesetz sogar rückwirkend bis
1950 bestraft werden. Auch hier beträgt die Mindeststrafe 5 Jahre Haft, die
Höchststrafe ist der Tod durch den Strang. Es ergibt sich also die Chance, daß
man für ein Delikt gehenkt wird, das noch nicht als Verbrechen galt, als es
begangen wurde. Wir meinen, daß eine derartige Form von „Rechtssicherheit“ das
Urteil der Internationalen Juristenkommission von der „extremsten Diktatur“
durchaus rechtfertigt, zumal es alle Möglichkeiten a la „Auschwitz oder
Workuta“ für die Zukunft offenhält.
Die erwähnten Bestimmungen sind die krassesten
Handhaben, die das Gesetz zur Verstümmelung und Unterdrückung jeglicher
Opposition bereithält. Die Verhaftung Dr. Alexanders hat in Deutschland vor
allem jenen Teil bekanntgemacht, nach welchem jeder bevollmächtigte
Polizeioffizier das Recht hat, jegliche ihm verdächtig erscheinende Person,
auch mögliche Mitwisser, ohne Haftbefehl eines Richters bis zu 90 Tagen zur
„Befragung“ an einem beliebigen Ort in Haft zu halten. Nach einer Äußerung des
Justizministers können diese 90‑Tage‑Perioden „bis in alle
Ewigkeit“ wiederholt werden. In dieser Zeit wird der Häftling ohne Verbindung
zur Außenwelt in Einzelhaft gehalten; er erhält keinen Lesestoff, kein
Schreibmaterial. Kein Gericht oder Anwalt dürfen sich um ihn kümmern. Die
Praktiken der „Befragung“ des Häftlings sind finster. Man ist erinnert an die
Gestapo‑Praxis, an die Methoden der Paras in Algerien.
Seit diesem „GENERAL LAW AMENDMENT ACT“ gibt es
gegen Balthazar Johannes Vorster, den allmächtigen Justizminister, keinen
rechtlichen Schutz mehr. Jeder, der sich nicht völlig der Regierung und ihrer
Politik unterwirft, kann in beliebiger Weise auf administrativem Wege
ausgeschaltet werden.
Es ist lohnenswert, die Vergangenheit dieses
Mannes etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.
Im letzten Weltkrieg schlug er sich zu den
burischen Ultras, die auf die Karte eines deutschen Sieges setzten. Er war
„General“ einer der algerischen OAS vergleichbaren Geheimorganisation, die,
unter anderen politischen Vorzeichen, durch Terrorakte die Beteiligung der
Regierung Smuts am Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland
lahmzulegen suchte und eine faschistische Burenpolitik in Südafrika zu
errichten trachtete. Im Jahre 1942 äußerte er sich dazu: „Wir treten für den
christlichen Nationalismus ein, der ein Verbündeter des Nationalsozialismus
ist. Man kann dieses antidemokratische Prinzip Diktatur nennen, wenn man will.
In Italien nennt man es Faschismus, in Deutschland Nationalsozialismus, in
Südafrika Christlichen Nationalismus.“ (Nach B. Buwting, The Rise of the South
African Reich, Penguin Books 1964, S. 88.) Die damalige Regierung hielt es für
notwendig, Vorster für den Rest des Krieges zu internieren.
Der Rassismus in Südafrika kommt nicht von
ungefähr. Viele der gegenwärtig führenden Buren können auf eine ähnliche
nazifreundliche Vergangenheit zurückblicken, allen voran Dr. Verwoerd und
Vorster. Die Kontinuität ihres politischen Werdeganges beweist folgender Satz
Vorsters aus dem Jahre 1963: „Wir haben die Stufe im Leben unseres Volkes
erreicht, wo wir mehr und mehr begreifen, daß es Zeiten in der Geschichte eines
Volkes gibt, wo nicht nur die Vernunft sprechen muß, sondern ebenso das Blut ‑
und in einer solchen Zeit stehen wir heute!“ (a. a. O. S. 318)
Die deutsche Version der „Sprache des Blutes“
liegt uns noch in den Ohren, mit all ihrer perversen Zeichensetzung. Aber auch
in Südafrika werden alle Anstrengungen unternommen, ihr zu eigenen
Ausdrucksformen zu verhelfen. Mit welch gewaltigem Arsenal von Gesetzen,
Verordnungen, Vorschriften und Gewohnheitsrechten die nichtweiße Bevölkerung
und ihre intellektuellen Wortführer in Angst und Passivität gehalten werden,
ist im einzelnen nicht aufzuführen. Die besprochenen zwei Gesetze sind nur ein
kleiner, wohl aber wirksamer Teil. Dieses System des permanenten Drucks prägt
das tägliche Leben der farbigen Mehrheit Südafrikas und schafft eine
Atmosphäre, die den vom DISKUS implizit anvisierten Begriff vom Rechtsstaat
Südafrika selbst in seiner formalen Bedeutung zur grauen Theorie stempelt.
Hierzu zwei kurze Schilderungen:
Es ist durchaus üblich, die Angehörigen von
Verhafteten nicht zu benachrichtigen, vielleicht aus Überlastung (fast 400000
Afrikaner wurden 1962 allein wegen Paßvergehen verurteilt), wahrscheinlich
aber, um ihnen ihre Ohnmacht zu demonstrieren. Die Angehörigen versuchen dann
gewöhnlich, in den Gefängnissen Auskünfte zu erhalten. Dabei kommen Szenen wie
diese vor: Polizisten werfen einen Haufen von Kleidern auf das Pflaster und
überlassen es den Angehörigen, verzweifelt nach einem Kleidungsstück des
Vermißten zu suchen, während sie sich lachend darüber unterhalten, wer von den
Besitzern der Kleider vermutlich an den Galgen kommt... Wenn der Ernährer einer
Familie aus irgendeinem nichtigen oder auch durchaus politischen Anlaß
verhaftet wird, bedeutet das äußerstes Elend für die meist zahlreichen
Angehörigen. Nicht selten verschwinden aber auch beide Eltern, ohne daß sie
auch nur eine Nachricht hinterlassen können. Ihre Kinder bleiben dann schutzlos
zurück. Im Januar 1963 z. B. konnten einige solcher „Waisen“ trotz intensivster
Suche durch die Presse nicht mehr gefunden werden. (Buwting, a. a. O. pp. 10,
319)
Jeder farbige Südafrikaner lebt von früher
Kindheit an in dem Gefühl, daß er jederzeit der Laune und der Gnade eines
Weißen ausgeliefert ist, ganz besonders in den ländlichen Gebieten, wo die
hartgesottensten Buren leben. Viele Fälle von Prügeln und anderen teilweise
schweren, ja tödlichen Mißhandlungen durch Zivilisten und Polizeibeamte sind
vor Gericht verhandelt worden ‑ weitaus die meisten aber werden nie
aufgeklärt und gesühnt, weil das farbige Opfer in der schwächeren Position ist
oder weil es an Zeugen fehlt. Wenn es zu einem Urteil kommt, ist dieses oft
unglaublich mild. So prügelte im Jahre 1954 ein burischer Farmer einen seiner
Zwangsarbeiter zu Tode, weil er „nicht arbeiten wollte“. Die Geschworenen
sprachen ihn der „tätlichen Beleidigung“ schuldig, der Richter konnte nur noch
die Höchststrafe von 18 Monaten verhängen. (T. Huddleston, Weine du geliebtes
Land, München 1960, S. 190 ff.)
In der letzten Zeit häufen sich in den Zeitungen
(vornehmlich den oppositionellen Blättern) Berichte über Folterungen. Es sind
die gleichen Scheußlichkeiten, die man aus Algerien kennt: teils widerliche
Mißhandlungen durch Sadisten, teils wohldurchdachte Foltermethoden ohne
sichtbare Nachwirkungen (Elektroschocks, allmähliches Ersticken unter Masken u.
ä.). Besonders die 90‑Tage‑Häftlinge, von denen man derart Aussagen
erpressen will, sind davon betroffen. So wurde Zeph Mothopeng, einer der
prominentesten Politiker des PAN AFRICAN CONGRESS, nach einer solchen 90‑Tage‑Haft
in eine Irrenanstalt eingeliefert. (Nach P. Duncan, South Africa’s Rule of
Violence, London 1964, S. 28, vgl. auch Bunting, pp. 10, 320 f.) Das Leben
eines Häftlings nach der Verurteilung ist zwar von diesen Formen der äußersten
menschlichen Erniedrigung frei. Jedoch das „Privileg“ einer Gefängnishaft wurde
Dr. Alexander schon zu Weihnachten 1963 entzogen: er wurde auf die Atlantikinsel
Robben Island deportiert, ein Gegenstück zur französischen Teufelsinsel. Dort
lebt er seit der Urteilsverkündung am 15. 4. 64 als Häftling der Kategorie D,
in die nur Mörder, Rückfalls- und Gewohnheitsverbrecher eingereiht werden. Er
wird dort in völliger Isolation von seinen Mithäftlingen gehalten und muß
Schwerstarbeit im Steinbruch leisten. Das also verbirgt sich hinter den „10
Jahren Freiheitsentzug“ des Urteils.
Die detaillierte Schilderung der Rechtspraxis und
des davon betroffenen Alltags in Südafrika, die hier unternommen wurde, soll
nicht dem Zweck dienen, den „Fall Dr. Alexander“ über Gebühr zu dramatisieren.
Vielmehr soll damit verständlich gemacht werden, wogegen sich die politische
Aktivität der farbigen Intelligenz in der Südafrikanischen Union richtet. Zum
anderen ergab sich nach den letzten zwei „Informations“‑Artikeln im
DISKUS die Notwendigkeit, nachzuweisen, daß das Rekurrieren auf formale
Kriterien, wie es dort unternommen wurde („hat in Südafrika jedermann das Recht
auf einen Pflichtverteidiger“), zur Legitimation des Vorgefundenen nicht
ausreicht. Die stillschweigende Verdächtigung jeglicher Versuche, politische
Alternativen zu erarbeiten, der Wink mit dem Zaunpfahl des Kommunismus, stehen
einer Zeitung schlecht an, die in der nämlichen Ausgabe an anderer Stelle
schreibt: „Wir müssen ein politisches Bewußtsein entwickeln, das wie ein
empfindliches Reagenz auch die feinsten und geschicktesten Versuche des
Machtmißbrauchs, der Freiheitsbeschränkung und der sozialen Ungerechtigkeit
sofort anzeigt.“ (M. M., Alles über Hitler, DISKUS 3/4, 1964, S. 1.) Vollends
fragwürdig wird solche Methode, wo sie ‑ ob unwissend oder bewußt
fahrlässig ‑ den gesellschaftlichen Kontext außer Acht läßt, um Vorgänge
isoliert zu beschreiben, die erst in Wechselwirkung mit diesem, auf dem
Hintergrund des politischen und sozialen Geschehens, in dem sie sich abspielen,
voll verständlich werden.
Die Revision gegen das Urteil ist inzwischen vom
höchsten südafrikanischen Gericht verworfen worden. (Red.)